• Feministische Geschichtswerkstatt Freiburg e.V.

Wahlheimaten AZ.-Nr. 20528

Aus Nichts ein Essen zaubern

Eine Tasche für Maria Ortel

gepackt von Ute Becker

Maria Ortel Tasche

Würde Ute Beckers Oma heute zu den gerade gern diskutierten Prepper*innen gehören? Das Wort leitet sich vom englischen to be prepared ab, was so viel heißt wie: bereit sein. Bezeichnet werden damit Menschen, die sich drohende Katastrophen vorbereiten, indem sie beispielsweise große Mengen an Lebensmitteln einlagern.

„Verpackungen und Konserven sammelt sie bis zu ihrem Tod. Man weiß nie, was kommt. Ihre Tochter bezeichnet sie als Sparkünstlerin – auch wenn kein Geld da war, konnte sie aus nichts ein Essen zaubern…“, schreibt Enkelin Ute Becker. In den Koffer der Reisenden hat sie deshalb eine ganze Anzahl leerer Margarineverpackungen, aber auch eine volle Tüte Mehl und eingelegte Jonjoli, zu deutsch Kapern, gesteckt.

Aber wahrscheinlich tue ich Maria Ortel mit dem Prepper-Vergleich Unrecht. Preppern wird zum Beispiel von Kolumnisten des Magazin Spiegel gern eine tiefe Sehnsucht nach dem Zusammenbruch oder Lust an der Apokalypse nachgesagt. Die meisten dieser Menschen haben allerdings in ihrem Leben noch keine wirkliche Katastrophe erlebt.

Maria Ortel schon. Sie wurde 1919 in der Ukraine geboren und entfloh mit ihrem „volks“deutschen Mann während des zweiten Weltkriegs dem Leid der Stalinära. Ihr Weg führte sie nach Essen in Deutschland. Im Gepäck hatte sie vielleicht ebenjene Jonjoli, auf jeden Fall aber eine ganze Menge dostojewskihafte dramatische Familiengeschichten mit vielen Namen und Verwicklungen.

Sie soll zeitlebens unter großem Heimweh gelitten haben. Eine Sehnsucht nach der Ukraine, nicht nach dem Untergang. Sicher keine Prepperin.

KS